Das Land Hessen gehört zu den trachtenreichsten Gebieten Deutschlands. In den Volkstanz- und Trachtengruppen des Landkreises Marburg-Biedenkopf werden noch sieben unterschiedliche Trachten getragen.

Im Altkreis Marburg haben sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts zwei unterschiedliche Trachten entwickelt, welche sich nicht nur durch ihr Erscheinungsbild, sondern auch duch die konfessionelle Zugehörigkeit unterscheiden.
Einige Dörfer rund um die Amöneburg gehörten im ansonsten protestantischen Kurhessen zum katholischen Bistum Mainz; in diesen Enklaven wurde die katholische Tracht getragen.
In den restlichen Dörfern trug man die evangelische Tracht, die auch als die "Hessentracht" bezeichnet wurde.
Nicht nur der Streit um den rechten Glauben, sondern auch die unterschiedliche politische, gerichtliche und verwaltungsmäßige Zugehörigkeit führten zur gegenseitigen Abschottung und förderten eine unabhängige Entwicklung beider Trachten, welche sich wesentlich voneinander unterscheiden.

 

Die Marburger evangelische Tracht:

Die Marburger evangelische Tracht gilt als eine schöne, in ihrer Form ausgewogene Tracht. Junge Leute trugen bunte und farbenprächtige Trachten, während man im Alter und insbesondere bei der Trauer dunkle und schwarze Farben trug. Die Tracht hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Im folgenden wird beschrieben, wie sie heute noch anzutreffen ist.

Der "Motzen" wird aus einem Stück Stoff doppelt gearbeitet. Den Schmuck desselben bildet eine sogenannte "Frisur", die gekräuselt oder in Fältchen gelegt sein kann, umrahmt von schönen Spitzen. Der Motzen hat einen großen Ausschnitt, in dem ein schmückendes Tuch getragen wird, mit einer Brosche am Hals geschlossen.

Passend hierzu oder auch andersfarbig kann die Schürze sein, die ebenfalls Schmuckfältchen oder Borten aufweist. Sind Motzen und Rock aus einem Stoff gearbeitet, nennt man dies einen "Anzug". Man trägt aber auch Rock und Motzen von verschiedenen Stoffen.

Der Rock ist 7 Ellen (3,5 Meter) weit und wird wadenbedeckend getragen. Auch weist er am unteren Ende geschmackvolle Verzierungen in Form von Borden und Spitzen auf. Das obere Drittel ist in sehr kleine Fältchen gelegt, die fest eingebügelt und mit einem besonderen Stich mehrfach auf der Rückseite zusammengehalten werden.

Unter dem Motzen trägt man ein Leibchen, das dazu dient, den Oberrock und mehrere Unterröcke zu halten. Dazu hat das Leibchen in der Taille einen ca. 3 cm breiten Wulst, der fest mit Schafwolle ausgestopft ist.

Das Hemd ist weit und lang geschnitten, unter dem Arm mit einer Raute versehen oder im Kimonoschnitt und für den Sommer an kurzen Ärmeln mit schönen Spitzen und Hohlsaumarbeiten verschönert.

Die Strümpfe sind in gediegenen Farben selbstgestrickt und man trägt flache Schuhe.

Besonders erwähnenswert ist der sogenannte "Schnatz". Die Haare werden oben auf dem Kopf gebunden, in zwei Zöpfe geflochten und kunstvoll zum Schnatz aufgesteckt.

Ihn ziert das Stülpchen, dass exakt auf den Schnatz passen muss. Es ist sehr zierlich und besonders reichhaltig mit Perlen und Stickerei verziert. Seitlich sind zwei Bänder, ca. 10 - 12 cm breit, aus schwarzem, glänzenden Stoff befestigt.

Bei ernsten Angelegenheiten trägt man sie unter dem Kinn zur Schleife gebunden, während sie sonst, einmal geschlungen, locker auf dem Rücken hängen.

Der Mann trägt die Feiertagstracht, den nach vorn breitkrempigen, nach hinten spitz zugehenden Hut, das gestickte Trachtenhemd, darüber die blumenbestickte Weste.

Die lederne Kniebundhose wird durch bestickte Hosenträger gehalten. Zu gestrickten Strümpfen werden Stiefel oder Schnallenschuhe getragen. Es können auch schwarze lange Hosen getragen werden.

Besonders feierlich wirkt der dunkle Kirchenrock oder "Gehstehintermich".


aus : Die Trachtenvielfalt im Marburger Land, HVT, ISBN 3-9802466-4-7
 

 

 Die Marburger katholische Tracht:

Verglichen mit anderen Trachten im Umkreis (z.B. Schwälmer Tracht oder Evangelische Tracht) ist die katholische Marburger Tracht mit die jüngste.
Die ursprüngliche Festlegung der Farbenfolge geht zwar auch weit in die Vergangenheit zurück, ihr Schnitt hingegen ist neueren Datums.
Obwohl die Tracht kein statisches Gebilde ist, auch sie hat sich im Laufe der Zeit langsam verändert, hat sich diese farbenfrohe Kleidung in den katholischen Orten im Landkreis Marburg, zumindest bis um 1900, relativ gut konserviert. Es ist also keine Vermischung mit anderen Trachten eingetreten.

Das Halstuch (Brusttuch) ist nach 1860 von Fulda her eingewandert, das Kopftuch kam erst nach 1890 aus der Rhön. Bevor jedoch das Kopftuch Einzug nahm, wurden "Kappen" oder Hauben getragen und zwar in einer genau festgelegten Reihenfolge, die die Mädchen von Kindes an durchs ganze spätere Leben begleitete : Rot, Grün oder Blau, Schwarz.

Das "Kirchewerk" wird nur zum Gottesdienst getragen. Sonntag nachmittags trägt man das Ausgehwerk, welches man auch in die Stadt anzieht.
An Röcken hat man den blauroten "Sprinkel", den grauen "Schimmel", den "Mäusfahlen", ferner verschiedene grüne, so den "Flaschengrünen", graue, und bei besonderer Feier auch mal rote.

Das sonn- und festtägliche Prunkstück ist das reichbestickte Brusttuch, dessen Enden breit über den Rock hängen.

Höchste Entfaltung zeigt die Brauttracht mit der Brautkrone (Offgesetz). Auch die Erstkommunikanten gingen als kleine Bräute mit ähnlichem Kopfschmuck wie die Braut.

Nach der Ehe ebbte die Farbenfreude bei den ansonsten bunten Trachten allmählich ab und flammte nur an Festtagen noch zur vollen Pracht auf. Im Alter wird nur noch schwarz getragen.

Der Bursche trägt eine Fellmütze, das reichbestickte Trachtenhemd, bestickte Hosenträger, lederne Kniebundhosen, weiße Strümpfe und Schnallenschuhe; es können auch Stiefel getragen werden.
Die Feiertagstracht der älteren Männer gleicht der evangelischen Tracht.
Bei beiden Trachten kann auch der blaue, an den Schultern bestickte Kittel und die Glockenbetzelmütze getragen werde, dazu lange weiße Hosen und einfache Halbschuhe.



aus : Die Trachtenvielfalt im Marburger Land, HVT, ISBN 3-9802466-4-7